Die Entwicklung vom Turn- zum Großverein

Die Entwicklung des TSV Grünberg ist, wie bei anderen Vereinen auch, immer im Kontext mit Zeitgeschehen und gesellschaftlicher Entwicklung zu sehen. Während der 125jährigen Vereinsgeschichte durchlebten die Deutschen eine Reihe von politi­schen Systemwechseln, von Umbrüchen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Strukturen. Die Auswirkungen zweier Weltkriege mussten überwunden werden.

Damit verbunden waren Änderungen im Wertedenken, Wechsel in Zielsetzungen und Motivationen im Vereinsleben, sowohl bei den Sportlern selbst als auch in der Vereinsführung. Stand bei der Vereinsgründung vornehmlich das Turnen im Mittelpunkt, so zeigt der TSV sich in seinem Jubiläumsjahr 2008 vielseitig und bietet einer Vielzahl von Sportarten ein Betätigungsfeld.

Einer Pressemitteilung vom 25. Februar 1919, über die erste nach dem 1. Weltkrieg abgehaltene Hauptversammlung des Turnvereins, ist zu entnehmen, dass die Mitglieder sich  trotz stark eingeschränkten Turnbetriebes und Vereinsinitiativen während des Krieges nach wie vor  eng mit dem Turnverein verbunden fühlten, 120 Mitglieder! waren zu dieser Hauptversammlung erschienen.

Dennoch schien das Interesse an der Sache des Turnens bei der sporttreibenden Jugend schon etwas nachgelassen zu haben. Von Militarismus, Disziplin, Drill, Zucht und Ordnung hatte man vorerst einmal genug. Freiheitliche Bewegung ohne vorgeschriebene Zwänge, individuelle Entfaltungsmöglichkeiten innerhalb einer Gemeinschaft waren jetzt gefragt. So begann der Siegeszug der Ballsportarten, allen voran das Fußballspiel. Da der Vorstand des alten Turnvereins sich diesen neuen Ideen nicht anschließen konnte oder wollte, entstanden in den 20er Jahren in Grünberg mehrere Fußballsport betreibende Vereine, die aber alle bis auf einen wieder einschliefen.

Im Turnverein versuchte man dieser Entwicklung durch die Gründung von neuen Sparten im Verein wie Leichtathletik, Handball, Schwimmen und Frauenturnen Rechnung zu tragen. Die Abteilungen Leichtathletik und Schwimmen wurden von Otto Mathies und Kurt Wenzel betreut, wobei die Schwimmabteilung erst im Jahre 1932, nach dem Bau des Freibades, ins Leben gerufen wurde.

1933 griffen erneut politische Ereignisse ins Vereinsgeschehen ein. Auf Anordnung der neuen Machthaber in Deutschland, den Nationalsozialisten, mussten die Vereine die sogenannte „Gleichschaltung“ durchführen. Während andernorts dieser Vorgang oft zu Neubesetzung der Vorstände führte, konnte in Grünberg der alte Vorstand fast unverändert weiterarbeiten.

Dem historisch interessierten Leser sollen einige Ausschnitte aus dem Bericht im Grünberger Anzeiger vom 16. Dezember 1933 als Informationsgrundlage dienen. Interessant ist in diesem Zusammenhang der Hinweis auf die alte Turnerfahne, die nun ihre Farben hinter dem schwarz-weiß-roten Band verbergen musste. Die Symbole und Prinzipien der Demokratie waren außer Kraft gesetzt.

In dieser Phase (1937) wurde auch der Zusammenschluss der beiden fußballspielenden Vereine „Fußball-Club“ und „Freier Sportverein“ mit dem Turnverein erzwungen. So wurde das letzte sportliche Großereignis, das Gau-Turnfest im August 1938 vom einzigen Verein, dem Turnverein in Grünberg durchgeführt.

Der Ausbruch des 2. Weltkrieges bedeutete zunächst starke Einschränkung, dann völliges Erliegen des Sportbetriebes. 1946 wurde von der damaligen Militärregierung die Auflösung des Turnvereins angeordnet, das Vermögen unter Treuhänderschaft gestellt. Ein neuer Verein, der Turn- und Sportverein Grünberg unter der Leitung von Georg Buss entstand.

In diesem neuen, jungen Verein wurde zunächst Fußball gespielt, dann aber auch weitere Sportarten wie Turnen, Frauenhandball und Tischtennis betrieben. Im Jahre 1949 konnte der alte Turnverein seine Tätigkeit wieder aufnehmen, das Vereinsvermögen (bestehend aus der alten Turnhalle und ca. 2.000 Mark) wurde wieder selbst verwaltet. In der ersten Hauptversammlung im Oktober 1949 wurde der langjährige 1. Sprech­er (1. Führer) Karl Wenzel zum Ehrenvorsitzenden ernannt, zum 1. Vorsitzenden wählte man Heinrich Kappes als Vertreter der jungen Generation. Von den 160 Mitgliedern zum Zeitpunkt der Auflösung bestätigten 1949 noch 125 ihre Mitgliedschaft.

Vergleicht man den Bericht über die Hauptversammlung des Turn- und Sportvereins aus dem Jahre 1949 mit dem der 1. Hauptversammlung des wiedererstandenen Turnvereines 1883 aus dem gleichen Jahr, so gewinnt man den Eindruck, dass in jenen Nachkriegsjahren unter den Grünberger Sportlern nicht immer Harmonie und Einklang herrschte. Vereins­austritte und -übertritte erschwerten eine gedeihliche Entwicklung beider Vereine.

Aber schon im Jahre 1950 siegte die Vernunft. Nach mehreren Sondierungsgesprächen unter Leitung des damaligen Bürgermeisters Karl Anschütz kamen die Vorstände der beiden Vereine überein, zu fusionieren.

In einer außerordentlichen Hauptversammlung am 29. September 1950 wählten die Mitglieder einen neuen, paritätisch besetzten Vorstand und gaben dem Verein den Namen TSV 1883 Grünberg.

Im TSV konnte nun Sport auf breiter Basis betrieben werden; Fußball, Tischtennis, Turnen, Leichtathletik, Schwimmen, später kamen Handball (1959), Judo (1970) und Basketball (1973) hinzu. Die Mitgliederzahl stieg ständig und betrug etwa zur Zeit des 100jährigen Vereinsjubiläums 1983 tausend Aktive und Passive. Heute im Jahre 2008 ist bei der Mitgliederzahl nochmals eine Steigerung festzustellen, sie beträgt ca. 1200. Eine sehr erfreuliche Tendenz, obwohl die Anzahl der aktiven Abteilungen rückläufig ist. So hat der Verein heute keine Judo- und Schwimm­abteilung mehr, die Leichtathletik ist als Leistungssport eingeschlafen und die Turnabteilung betreibt im Aktivenbereich auch keinen Wettkampfsport mehr.

Hier besteht für die Vereinsverantwortlichen in Zukunft bestimmt noch Handlungsbedarf. Denn für einen heranwachsenden, jugendlichen Sportler ist es eine spannende und schöne Sache, wenn er im gleichen Verein verschiedene Bewegungsarten kennenlernen und betreiben kann.

Das sportliche sowie das gesellschaftliche Geschehen innerhalb des Vereins hat sich mittlerweile auf die einzelnen Abteilungen: Fußball, Basketball, Handball, Tischtennis und Turnen verlagert. Aus diesem Grunde überlassen wir es auch den einzelnen Abteilungen, das Vereinsgeschehen der jüngeren Zeit selbst zu dokumentieren und aus ihrer Sicht zu Papier zu bringen.

Die Abteilungsleiter sorgen zusammen mit ihren Übungsleitern und vielen ehrenamtlichen Funktionsträgern für den Ablauf des Sportbetriebes, kümmern sich um Sponsoring und die Bedürfnisse ihrer Sportler.

Der Vorstand unter der Führung der langjährigen Vorsitzenden Ursula Repp regelt Verwaltung und die Finanzen des Vereins. Ein undankbares und schwieriges Geschäft, bedenkt man den zunehmenden Bedarf an Sporthallenzeiten, die finanziellen Belastungen durch die beiden Vereinsheime und den Unterhalt des vereinseigene­n Waldstadions. Letzteres wurde 1962 von der Stadt Grünberg erbaut, nachdem Fußballer und Handballer lange Zeit mit dem alten Sportplatz an der Weickartshainer Straße zurechtkommen mussten. 1971 erhielt das Waldstadion eine Leichtathletikanlage und die Stadt übereignete dem TSV Stadion und Gelände. Bereits im Jahre 1966 baute der Verein hier das erste Gebäude; einige Jahre später errichtete er das Vereinsheim.

Bei beiden Häusern leisteten die Vereinsmitglieder viele Arbeitsstunden und halfen so, Vereinseigentum zu bilden. Aber auch hier gewannen die Verantwortlichen schnell die Erkenntnis, dass Eigentum zu erhalten und zu pflegen weit schwerer ist, als zu erwerben.

Im Jubiläumsjahr 1983 wurden sowohl das Stadion als auch das Vereinsheim renoviert und im Zuge der Festlichkeiten eingeweiht.

Zum 125-Jährigen soll die alte Aschenlaufbahn abgetragen und durch eine Tartanbahn ersetzt werden.

So bleibt zum Schluss nur noch dem Verein für die Zukunft zu wünschen, dass das runderneuerte Stadion bald wieder mit leichtathletischem Leben erfüllt wird und der TSV weiterhin seine sich selbst gesetzten Ziele verwirklichen kann.

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