Zeitungsbericht aus dem „Grünberger Anzeiger“ vom 16. Dezember 1933

Turnverein Wieseck. Gauoberturnwart Paul (Gießen) leitete persönlich die Übungen am Pferd, Barren und Reck und ließ schließlich, um den Querschnitt durch die hohe Schule deutscher Turnkunst zu vervollständigen, die drei Giessener Turner noch Freiübungen vorführen, die von einer fast idealen Körperdurchbildung zeugten und die Zuschauer noch einmal zu starkem Beifall hinrissen.

Der erste Sprecher des Turnvereins, Lehrer Wenzel leitete seine Festansprache mit herzlichen Begrüßungsworten ein. Einen besonderen Willkommen entbot er den Ehrengästen: dem Ehrenvertreter des alten Gaues Hessen und Kreises Mittelrhein: Pfeifer (Wetzlar), dem Ehrenoberturnwart des alten Gaues Hessen Will (Gießen), dem Oberturnwart des neuen Kreises Lahn-Dill: Schüler (Wetzlar), dem auch Grünberg untersteht, dem Oberturnwart des neuen Gaues Nordhessen und des Bezirkes Gießen Paul (Gießen) und den Vertretern der Stadt und der NSDAP. Lehrer  Wenzel schilderte die Entwicklung des Turnvereins Grünberg, über die an dieser Stelle in der letzten Samstag-Nummer bereits ausführlich berichtet wurde, und widmete den toten  Turnbrüdern, die der Verein am Morgen geehrt hatte, und dem einzigen noch am Leben befindlichen Gründer, dem hochbetagten, und durch seinen Gesundheitszustand am Erscheinen verhinderten Ehrenmitglied Heinrich Möser, Worte des Gedenkens und Dankes. Der heutige Vorstand, betonte er, sehe es als besondere Pflicht an, den echten Turnergeist, der im Turnverein Grünberg stets zu Hause war, auf seine Nachfolger, auf die Jugend zu übertragen. Daß sich dieser Geist mit dem Geist unseres neuen Staates vereinbaren lässt, das hat das Deutsche Turnfest in Stuttgart gezeigt. Hat doch Adolf Hitler dort Worte hoher Anerkennung für die vaterländische Arbeit der Deutschen Turnerschaft  gefunden und sich die Herzen der deutschen Turner dadurch mit einem Schlage erobert, daß er, was noch kein deutscher Staatsmann vor ihm getan, den Turnvater Jahn durch eine Minute Schweigen ehrte. Dank zollte der Sprecher allen Freunden und Gönnern, die den Verein finanziell unterstützten, besonders den beiden Männern, die durch die hochherzige Stiftung der Bühnenausstattung dem Verein eine große Last abnahmen und deren Namen (Hch. und Karl Schmidt) mit der Geschichte des Vereins unauslöslich  verbunden bleiben werden. Dank zollte er auch dem Bauleiter, Architekt  Balser, der sein ganzes Können an den Erweiterungsbau gesetzt hat, den daran beteiligten Handwerkern und der Stadt für die Förderung des Werkes, das auch ihr in aller Zukunft zum Vorteil und Segen gereichen werde. Er weihte die neue Halle zu einer Stätte, darinnen deutsche Zucht und Sitte wohnen, worinnen durch das Turnen erblühen mögen deutsche Jungfrauen in Jugendschöne und deutsche Männer und Jünglinge ihre Kraft mehren, Körper und Geist zu stählen für den Dienst am Vaterland. Mögen der aus Jahns Geist stammende Satz: „Deutsche Turnerschaft unser Weg!“ und das Wort Adolf Hitlers: „Volk unser Ziel!“ stets als oberste Richtschnur in dieser Halle gelten. Ein dreifaches Sieg-Heil auf den Reichspräsidenten und den Reichskanzler und der Gesang der ersten Strophe des Deutschland- und Horst-Wesselliedes schlossen die Rede ab.

Die Glückwunschansprache des Bürgermeisters Dr. Mildner ließ erkennen, daß die Stadtverwaltung die Bedeutung der Turnhalle und des Turnvereins für das öffentliche Leben unserer Stadt richtig erkannt hat. Nicht nur der Turnverein, führte er u. a. aus, sondern auch die Stadt Grünberg und ihre gesamte Bürgerschaft haben Anlaß, mit Freude und Stolz den heutigen Tag zu feiern. Gemeinderat und die Stadtverwaltung haben die Einladung dazu um deswillen besonders gerne angenommen, weil Stadt und Turnverein durch ein gleiches Ziel so eng miteinander verbunden sind; denn ein wesentliches Arbeitsgebiet der Stadtverwaltung ist die Gesundheitspflege, und der Turnverein leistet hierbei eine wertvolle, vielfach noch nicht in ihrer vollen Bedeutung erkannte Mithilfe. Starken Beifall erzielte der Bürgermeister durch die Versicherung, daß die Stadtverwaltung dem Turnverein auch weiterhin jeder nur mögliche Förderung zuteil werden lasse. Dem Verein galt sein dreifaches Gut-Heil.

„Turnen, Sport und Spiel sind kein Ersatz für Griechisch und Mathematik. Die Wissenschaft aber braucht den  ganzen  Menschen und das bedeutet, daß ein kraftvoller gesunder Körper einem kraftvollen gesunden Geist zur Seite stehen muß.“ Mit dem Zitat eines deutschen Wissenschaftlers begann der Propagandaleiter der NSDAP, Apotheker Harder, seine tempramentvolle Ansprache. Er wies darauf hin, daß alle Regierungs- und Parteistellen bereit seien, die Deutsche Turnerschaft nach Kräften zu fördern in ihrem Bestreben die geistige und körperliche Schlappheit zu überwinden, und zolle insbesondere  dem Turnverein Grünberg hohe Anerkennung für sein 50jähriges gemeinnütziges Wirken. Gegenüber privaten Bestrebungen, die Konzessionserteilung für die Bewirtschaftung der neuen Halle zu verhindern, betonte Propagandaleiter Harder  unter stürmischer Zustimmung aller Versammelten, er werde nicht ruhen und rasten, bis der oberste nationalsozialistische Grundsatz: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz!“ auch hier verwirklicht sei. Sei doch die Nichterteilung der Konzession gleichbedeutend mit dem Ausfall einer ganzen Anzahl von Veranstaltungen und also mit kulturellen Rückschritt.

Der letzte Vertreter des alten Mittelrheinkreises, Pfeiffer (Wetzlar), gab in seiner Glückwunschansprache aus dem Schatze einer reichen Lebenserfahrung die Mahnung mit auf den Weg, sich stets dessen bewußt zu sein, daß langsam wachse, was von Dauer sei und daß nicht die rasche Begeisterung, sondern zähe Beharrlichkeit und treues Ausharren den Enderfolg verbürge. Er schilderte, wie die Sache der Deutschen Turnerschaft gegen Standesdünkel und falsche Vornehmheit führender Kreise, die sich die Gebildeten nannten, durch einfache kleine Bürger und Arbeiter zum Siege geführt wurde. Wenn man heute endlich die Bedeutung der Volksgemeinschaft für Staat und Volk erkannt habe, so könne die DT mit Stolz darauf verweisen, daß damit erreicht worden sei, was sie stets erstrebe. Der Deutschen Turnerschaft im Staate Adolf Hitlers galt sein dreifaches Gut-Heil.

Der energische Gauoberturnwart Paul (Gießen) stellte fest, daß der Sturm , der im Frühjahr durch die Gaue Deutschlands brauste, auch an der DT nicht  spurlos vorübergegangen ist. Sie ist nationalsozialistisch geworden, und in ihrem Namen, im Namen des Führers des Gaues Nordhessen, Bernhard Andre, seines Stellvertreters, Dr. med. Rau (Butzbach), und des Führers des Bezirkes Gießen, Karl Daupert (Wieseck), entbiete ich dem Grünberger Verein  beste Glückwünsche. Er entledigte sich dann des ehrenvollen Auftrags, den Ehrenbrief des alten Hessengaues den Turnern Karl Lichtenfels, Karl Möser, Karl Büttel und Karl Henkel, die sich um den Grünberger Verein in langjähriger Mitgliedschaft  Verdienste erwarben, und den Ehrenbrief des alten Mittelrheinkreises dem altverdienten Turnwart Fritz Gehringer feierlich zu überreichen. Es waren die letzten Ehrungen dieser alten Gebiete.

Der erste Sprecher des Vereins vervollständigte die Ehrungen des Tages durch die Ernennung der langjährigen Mitglieder Jakob von-Eiff, Gg. Fuldat, K.Gg. Seim (jetzt Rotenburg a. d.Fulda) zu Ehrenmitgliedern.

Die Turnerinnen Emmy Schenk, Gertrud Kappes und Dina Michel widmeten den Jubilaren einen poetischen Glückwunsch.

Karl Georg Jöckel dankte in ihrem Namen für die Ehrung und erinnerte daran, daß es Jahnscher Turnergeist war, der die Siegesgöttin vom Brandenburger Tor dereinst aus Paris nach Berlin zurückholte. Er sprach die Hoffnung aus, daß  Deutschland einig bleibe im Sinne Adolf Hitlers und schloß seine Rede unter starkem Beifall mit dem Spruche: „Frisch, fromm, fröhlich, frei! Gut-Heil der deutschen Turnerei!“

Mit Dank an alle Mitwirkenden und dem Versprechen, stets im Sinne Jahns weiterzuwirken, schloß Lehrer Wenzel die erhebende Kundgebung.

Dem Jubelverein wurden noch mündlich und schriftlich zahlreiche Glückwünsche übermittelt, darunter auch von früheren, jetzt in der Ferne lebender Mitglieder des Vereins.

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