Der Turnhallenbau

Die oben aufgezeigte Entwicklung des Turnvereins, die geschilderten Bilder des Vereinslebens wären ohne ein Ereignis nicht denkbar, nämlich den Bau einer eigenen Sportstätte, dem Bau einer Turnhalle.

Ein Ereignis von solch einer Bedeutung, dass wir ihm ein eigenes Kapitel widmen wollen.

Schon in den ersten Jahren des neu gegründeten Turnvereins war dem damaligen Vorstand klar geworden, dass es ohne geeignete Sportstätte keine Zukunft, keine Weiterentwicklung des jungen Vereines gäbe. So reiften schon sehr früh Gedanken an die Erbauung einer eigenen Turnhalle heran. Es müssen schon mutige Visionäre gewesen sein, jene Vereinsverantwortlichen unter der Führung von Karl Hermann Jöckel , die nun mit Phantasie, Beharrlichkeit und viel Begeisterung für die Turnerei diesen Plan verfolgten. Man stelle sich das einmal vor, ein Verein mit gerade mal knapp 100 Mitgliedern (Erwachsene und Jugendliche) und einem Monatsbeitrag von 20,– Pfennigen! versucht nun das Kapital für dieses Projekt zu organisieren.

Im Jahre 1886 spendete der 1. Sprecher Karl Hermann Jöckel bei einer geselligen Veranstaltung im damaligen Vereinslokal „Taunus“ eine Goldmark und legte damit den Grundstock für einen Baufonds. 1889 beschäftigte sich eine außerordentliche Generalversammlung mit der Baufrage. Es folgten Aufrufe an die Bürger der Stadt und an die Grünberger in der Ferne. Die städtischen Gremien und die Schulen wurden für das Vorhaben sensibilisiert. Zur Realisierung des Vorhabens erwarb der Verein zwei Grundstücke, eines an der „Neuen Chaussee“, dann einen Teil des Robertschen Gartens an der Gießener Straße, welcher letztendlich dann auch Bau- und Turngelände wurde. Durch Sammlungen, Verlosungen und Abendveranstaltungen brachte der Verein ein Baukapital von 7000,– Goldmark zusammen. Ganz besonders wird in den Vereinsunterlagen in diesem Zusammenhang das Engagement des Ehrenmitgliedes Philipp Heerz in New York erwähnt, der in der Fremde für den Turnhallenbau eine beträchtliche Summe sammelte und spendete.

Am 1. Mai 1897, 14 Jahre nach der Vereinsgründung, fand bei einem feierlichen Festakt die Grundsteinlegung statt und schon am 31. Oktober des gleichen Jahres konnte der Verein zusammen mit der Grünberger Bevölkerung und den Vertretern der Stadt und der Schulen in einem großen Rahmen die Einweihung feiern.

Da die Bausumme 26.000 Mark betrug, musste der größte Teil, etwa 16.000 Mark als „Darlehensscheine“ zu 25 GMk und 50 GMk ausgegeben werden, welche auch in kürzester Frist von der Bürgerschaft übernommen wurden. Dieses Bauwerk, erbaut  im klassizistisch-wilhelminischen Stil, ähnlich der neuen Schule, prägte mit seinen roten Ziegelsteinen und den schön behauenen Lungsteinquadern als Fundament das Stadtbild. Der Turnverein hatte nun eine sportliche Heimat; regelmäßige Übungsstunden konnten eingerichtet werden, für Sportveranstaltungen wie zum Beispiel Gau-Turnfeste oder Schauturnen hatte man, wie oben geschildert, Platz, sowohl in der Halle selbst als auch im sogenannten Turnhallengarten.

Aber nicht nur die Sportler partizipierten an dieser neuen, großen Räumlichkeit. Sämtliche Grünberger Vereine führten von nun an ihre Aktivitäten, wie Konzerte, Bälle, Theateraufführungen usw. in der Turnhalle durch. Es gibt wohl wenige alte Grünberger, die nicht irgendwann einmal eine dieser Veranstaltungen besucht hätten. Zur beständigen Einrichtung manifestierte sich die sogenannte Winterveranstaltung des Turnvereins, welche am zweiten oder „dritten“ Weihnachtsfeiertage noch bis in die 60iger Jahre durchgeführt wurde. Hier zeigten die Aktiven ihr Können und manch kleiner TSVler hatte vor großem Publikum seinen ersten aufregenden Auftritt auf der Turnhallenbühne. Im Anschluss an die sportliche Veranstaltung feierten und tanzten die Grünberger in den nächsten Tag.

Für die Schulen bedeutete die Turnhalle sehr bald eine deutliche Erleichterung und Verbesserung bei der Durchführung ihrer Bildungsaufträge. Während beider Weltkriege musste der Sportbetrieb eingeschränkt bzw. gänzlich ausgesetzt werden, da die Turnhalle als Lazarett „zweckentfremdet“ wurde. Die medizinische Erstversorgung der Opfer des verhängnisvollen Bombenangriffes im März 1945 erfolgte in der Turnhalle.

Im Jahre 1933 beschloss die Hauptversammlung des TV am 28. Januar im „Taunus“ den Umbau und die Erweiterung der Turnhalle. Der Verein zählte zu diesem Zeitpunkt 154 Mitglieder (65 aktive Turner, 24 Turnerinnen, 55 passive Mitglieder).

Noch im gleichen Jahr konnte im Dezember die Einweihung zusammen mit dem 50jährigen Jubiläum gefeiert werden. Ein Zitat aus der Presse: „Wie der Verein im Jahre 1897 diese Halle mit Hilfe der Bürgerschaft errichtet habe, so sei ihm auch diesmal durch die Unterstützung von Turnfreunden und Gönnern und mit Hilfe der Stadt die Erweiterung und Erneuerung der Halle möglich gewesen“.

Der Grünberger Neubürger wird sich beim Lesen dieser Zeilen sicherlich fragen: Wo steht denn dieses Gebäude, welches sich über lange Jahre hinweg auf die sportlichen und kulturellen Belange Grünbergs so segensreich auswirkte und welches ein Repräsentant bürgerlichen Gemeinsinns darstellte. Nun, die alte Turnhalle existiert nicht mehr. Der Verein verkaufte sie 1968 an eine hiesige Firma und im Juli 1982 wurde sie nach heftigen, kontrovers geführten De­batten und Versuchen, den Fortbestand der Halle zu sichern, abgerissen und an ihrer Stelle das neue Gebäude der Bezirkssparkasse errichtet.

Was war passiert? Das ehrwürdige, in die Jahre gekommene Gebäude hielt den neuen Anforderungen, die sich nach dem 2. Weltkrieg durch sprunghafte Entwicklung im Vereins- und Schulsport ergaben, nicht mehr stand. Es kamen hohe Unterhaltungs- und vor allem Sanierungskosten (Dachreparatur) auf den Verein zu, die keiner mehr tragen wollte. Auf geradezu tragische Weise erfüllte sich die in einer seiner Reden geäußerte Voraussage Karl Hermann Jöckels, einer der Hauptinitiatoren des Turnhallenbaus, dass es vermutlich leichter sei ein solches Projekt (Turn­halle) zu erstellen, als zu unterhalten.

Auch die Stadt verfolgte andere Pläne, für kulturelle Veranstaltungen entstand auf der Käswiese die Stadthalle. Für die Schulen und die Sportvereine bauten die nunmehrigen Bildungsträger wie Bund, Land und Kreis nach und nach ab den 60iger Jahren neue Turnhallen und eine Großturnhalle. Auf dem Gelände der Sportschule stehen heute zwei große Turnhallen. Eine neue Zeit war angebrochen.

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